Ulla Lohmann, Abenteuerfotografin

Ulla-Lohmann-2

Ulla Lohmann ist Fotojournalistin, Filmemacherin und Abenteuerfotografin.

Sie macht Expeditionen auf der ganzen Welt und erzählt Geschichten von entlegenen und unerforschten Orten.

Sie war als erste Frau überhaupt im Innere eines aktiven Vulkanes und arbeitet für GEO, National Geographic, BBC, ARD und ZDF.

Heute unterhalte ich mich mit ihr über ihre Arbeit und ihre Leidenschaft. Wir erfahren, welchen Eigenschaften man mitbringen sollte, um einen Weg als erfolgreiche Abenteuerfotografin zu gehen.

Sie war die erste Frau im Inneren eines aktiven Vulkans, spricht fünf bis sechs Sprachen des Südpazifiks und arbeitet für GEO, National Geographic, BBC, ARD und ZDF. Im Podcast habe ich mit der Fotografin und Dokumentarfilmerin Ulla Lohmann über kalkuliertes Risiko, Leidenschaft und die Frage gesprochen, warum gute Fotos allein heute nicht mehr reichen.

Ulla meldet sich aus dem Auto auf Teneriffa. Sie kommt gerade vom Klettern, am Vortag hat sie eine Keynote in Brüssel gehalten, in einer Woche geht es zum Stromboli. Hier sind die wichtigsten Passagen aus unserem Gespräch.

„Ich würde sagen: 10“

Ulla, auf einer Skala von 1 bis 10: Wie nah ist das, was du gerade machst, an deinem Traumjob?

Ich komme gerade vom Klettern, ich habe heute Morgen gearbeitet, ich habe wundervolle Fernsehproduktionen am Laufen und spannende Reportagen veröffentlicht. Ich habe einen tollen Mann und einen tollen Sohn. Ich würde sagen: 10.

Das Klettern sehe ich übrigens als Teil meines Berufs. Ich bin Abenteuerfotografin und Dokumentarfilmerin, ich muss an extrem entlegene Orte und dafür fitter sein als die Wissenschaftler oder Sportler, die ich begleite. Das ist natürlich super für die Work-Life-Balance: Ich kann draußen sein, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, im Büro etwas zu verpassen.

Kalkuliertes Risiko statt Abenteuerlust

Wie abenteuerlich ist dein Leben wirklich?

Für mich ist es gar nicht so abenteuerlich, weil ich immer mit kalkuliertem Risiko arbeite. Den Abstieg in den aktiven Vulkan haben wir über viele Jahre geplant und gut eingeschätzt. Ich mache nichts, ohne vorher das Risiko zu kalkulieren. Da bin ich sehr gewissenhaft.

Wie kalkulierst du dieses Risiko konkret?

Ich nutze einen Fragenkatalog, den ich mir bei der BBC angeeignet habe. Ich gehe alle Eventualitäten durch und überlege mir für jede einen Plan, um sie bestmöglich zu vermeiden, und einen Notfallplan, falls sie doch eintritt.

Ein Beispiel: Wenn es im Vulkan regnet, fällt der Regen durch die aufsteigenden Gase und wird sauer. Unsere Seile können innerhalb weniger Stunden kaputtgehen. Also nehmen wir Backup-Seile mit, vielleicht sogar ein drittes, und bringen den Leuten oben bei, uns im Notfall ein Seil herunterzuwerfen und rechtzeitig den Abbruch anzuordnen. Für jedes Risiko gibt es eine Gegenmaßnahme. Am Ende wägt man ab, ob sie reicht. Meistens merkt man: Wenn man alles durchdenkt, funktioniert es.

Gab es trotzdem Momente, in denen es knapp wurde?

Ja, ganz oft aus Budgetgründen. Im Vulkan gibt es giftige Gase, die man nicht riecht. Mit Budget hat man ein Gasmessgerät dabei. Wir hatten keins und dachten, wir machen es wie früher im Bergbau, mit einer Kerze. Die ist wegen des Windes natürlich ständig ausgegangen. Das ist gerade noch einmal gut gegangen.

Was man für diesen Beruf mitbringen muss

Angenommen, ich wollte machen, was du machst. Was müsste ich alles lernen?

Für die Vulkane musst du ziemlich fit sein. Mein Fotorucksack wiegt 20 bis 25 Kilo, und den muss ich 600 Höhenmeter am Seil aus dem Vulkan wieder herausbringen. Du musst dich mit Seilzugangstechnik auskennen. Ich bin dafür zertifiziert, und das Befestigen der Seile in loser Asche ist eine eigene Herausforderung. Wir haben dafür eigene Ankersysteme entwickelt und nehmen alles wieder mit, damit wir keine Spuren hinterlassen.

Und du solltest die Sprache der Einheimischen sprechen. Ich bin auf den Südpazifik spezialisiert und spreche fünf oder sechs der Sprachen dort. Meine Art zu arbeiten führt mich an Orte, an die sonst keiner kommt. Da musst du dich mit der Bevölkerung austauschen und oft lange verhandeln. Das dauert manchmal tagelang.

Und welche Persönlichkeit braucht man?

Man braucht Geduld, die habe ich zwar nicht, aber ich arbeite daran. Vor allem brauchst du Leidenschaft. Das Wort mag ich total gerne, weil es so viel aussagt: die Passion, aber auch die Leidensfähigkeit, so sehr für deine Träume zu kämpfen, dass alles andere zweitrangig wird. Vier Wochen ohne Dusche, die Haare brechen von der Asche ab, die Ratten teilen sich das Zelt mit dir. Das realisiere ich gar nicht, weil es für mich sekundär ist.

„Wenn du eine Passion hast, dann hast du auch die Kraft, einen Traum zu verwirklichen.“ Ulla Lohmann

Ulla-Lohmann-Vulkan

Fotos, die Mut machen

Was treibt dich an?

Meine Mission ist es, anderen Menschen zu helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Ich mache Fotos von Vulkanen und erzähle von Menschen an anderen Enden der Welt. Es geht mir darum, mit diesen Bildern Mut zu machen, die eigenen Träume zu leben. Egal ob ich in Tasmanien mit einem 60-Jährigen klettern gehe, der vorher Höhenangst hatte und dabei 20.000 Euro für die Krebsforschung sammelt, oder ob ich unserer Assistentin Mut gemacht habe, sich selbstständig zu machen. Heute ist sie super erfolgreich. Man muss einfach den ersten Schritt machen, egal welcher Traum es ist.

Während Corona habe ich deshalb etwas gemacht, worauf ich eigentlich keine Lust hatte: Social Media. Ich habe jeden Mittag kostenlose Livestreams mit Fototipps veranstaltet, heute noch jeden Sonntag. Daraus ist eine tolle Community entstanden, und irgendwann stand die Idee im Raum, gemeinsam ein Buch zu machen. 107 Hobbyfotografen haben ihren Lieblingsort in Deutschland beschrieben und fotografiert. Mit dem Projekt haben wir schon über 4.000 Euro für gute Zwecke gesammelt.

Drei Standbeine

Du bist Canon-Botschafterin. Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Fotoindustrie für dich?

Gut vernetzt zu sein ist mir sehr wichtig. Die Botschafterrolle bringt Connections und Anerkennung, und ich erreiche über Workshops, Vorträge und Messen viele Menschen. Ich wäre das aber nicht, wenn ich nicht hinter dem Material stehen würde. Ich habe schon mehrere Fotofirmen durch. Auf meinen Fotoreisen ist übrigens jede Kamera willkommen. Hauptsache, jeder macht tolle Bilder, die motivieren, berühren und zum Nachdenken anregen.

Wie finanzierst du deine Arbeit?

Ich habe drei Standbeine. Erstens klassische Auftragsproduktionen, Film oder Foto, zum Beispiel für Terra X, die BBC oder den Stern. Zweitens Eigenproduktionen: Ich habe Lust auf ein Thema, recherchiere, bereite vor, fotografiere, filme und gehe in Vorleistung.

Das dritte Standbein sind die Produkte, die daraus folgen. Die Leute sehen eine Reportage im Fernsehen oder im Magazin, sehen meinen Namen, kommen zu einem Vortrag und wollen dann eine Reise mit mir machen. Dazu gehören Vorträge, Keynotes für Firmen, Workshops, Fotoreisen und Bücher.

Die Geschichte zählt mehr als das Foto

Ist es für junge Fotografen heute schwer, in diesen Markt hineinzukommen?

Es geht. Es ist im Moment ein toller Markt für junge Fotografen, die zum ersten Mal ihre Geschichten publizieren wollen. Es gibt Plattformen wie Visa pour l’Image in Frankreich, um gesehen zu werden, und Förderprogramme, auch von Canon. Viele Fotografen denken aber, es reicht, wenn sie fotografieren können. Das reicht auch bei mir nicht. Die Leute wissen, dass ich einigermaßen Fotos machen kann, und trotzdem muss ich immer wieder neue Geschichten vorschlagen, pitchen und im Gespräch bleiben.

„Gute Fotos macht jeder. Schau dich auf Instagram um. Den Unterschied machen die Geschichten.“ Ulla Lohmann

Welche Botschaft hast du für andere Fotografen?

Fotografiert Geschichten. Überlegt euch, wo eure Passion steckt, und sucht im Umkreis davon eine Geschichte, bei der ihr mit ganz viel Herzblut dabei seid. Dann habt ihr wahrscheinlich einen einzigartigen Zugang. Und wenn ihr dazu noch eine eigene Art der Fotografie habt, wird es funktionieren. Folgt eurem Bauchgefühl. Wenn sich die Härchen aufstellen, seid ihr an einer Geschichte dran, die euch wirklich fasziniert.

Don’t dream it, do it

Zum Abschied wünscht man sich meist Glück und Gesundheit. Was würdest du dir wünschen?

Mein Lebensmotto: Don’t dream it, do it. Es reicht nicht, seiner Passion zu folgen. Man muss auch die harte Arbeit hineinstecken, die sich in dem Moment gar nicht wie harte Arbeit anfühlt. Du musst täglich etwas für dein Marketing tun, für Instagram, für deine Community. Ich nehme mir jeden Tag fünf Minuten und frage mich: Was sind meine Träume, was tue ich, um sie zu verwirklichen, und wo stehe ich gerade? Diese Traumzeit braucht man.

Mehr über Ulla Lohmann

Nach oben scrollen